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Die Zukunft des Konsums ist älter, als wir denken

Was der Konsumklima Summit 2026 in Berlin über Deutschlands Konsumzurückhaltung, den demografischen Wandel und neue Wachstumschancen für den Handel verrät.

Warum halten sich die Deutschen beim Konsum zurück? Wie lässt sich das Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft wieder stärken? Und welche Zielgruppen werden in den kommenden Jahren für Unternehmen besonders relevant?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Konsumklima Summit 2026 des Nürnberg Institut für Marktentscheidungen (NIM) in Berlin. Mit dabei waren unter anderem ifo-Präsident Prof. Clemens Fuest und der ehemalige Vizekanzler Sigmar Gabriel, heute Vorsitzender der Atlantik-Brücke.

Die Diskussionen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik machten deutlich, wie eng Konsumverhalten, wirtschaftliche Erwartungen und geopolitische Entwicklungen miteinander verbunden sind.

Aus meiner Perspektive als Expertin für die Zukunft des Handels nehme ich vor allem drei Erkenntnisse mit: Deutschland hat nicht nur ein Kaufkraft-, sondern vor allem ein Vertrauensproblem. Der demografische Wandel verändert die Konsummärkte grundlegend. Und wir unterschätzen weiterhin die Chancen technologischer Innovation für neues Wachstum.

Deutschlands Konsumproblem ist auch ein Vertrauensproblem

Die Konsumstimmung in Deutschland bleibt angespannt. Hohe Preise, wirtschaftliche Unsicherheit und geopolitische Krisen beeinflussen die Kaufentscheidungen vieler Menschen.

Dabei zeigte die Diskussion auf dem Summit einen interessanten Widerspruch: Die Entwicklung der Kaufkraft allein kann die anhaltende Konsumzurückhaltung nicht vollständig erklären.

Zwar haben die Preissteigerungen der vergangenen Jahre viele Haushalte belastet. Doch die Einkommensentwicklung hat einen Teil dieser Belastungen inzwischen aufgefangen. Trotzdem bleibt die Bereitschaft, Geld auszugeben, gedämpft.

Ein wesentlicher Grund liegt in der Unsicherheit über die Zukunft.

Wer steigende Lebenshaltungskosten, wirtschaftliche Krisen oder eine unsichere Beschäftigungsperspektive befürchtet, entscheidet sich eher dafür, Geld zurückzulegen, statt es auszugeben.

Für den Handel bedeutet das: Konsum lässt sich nicht ausschließlich durch attraktive Preise oder Rabattaktionen stimulieren. Auch Vertrauen, Zuversicht und die Erwartung wirtschaftlicher Stabilität beeinflussen das Kaufverhalten.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie viel Geld Konsumentinnen und Konsumenten zur Verfügung haben, sondern auch, wie sicher sie sich fühlen, dieses Geld auszugeben.

Die Generation 55+: Ein unterschätzter Wachstumsmarkt

Besonders interessant fand ich die Erkenntnisse zur unterschiedlichen Konsumbereitschaft verschiedener Alters- und Einkommensgruppen.

Die einkommensstärkere Hälfte der Bevölkerung steht für mehr als zwei Drittel des privaten Konsums in Deutschland. Gleichzeitig verändert der demografische Wandel die Zusammensetzung unserer Gesellschaft nachhaltig.

Bereits heute ist ungefähr jeder fünfte Mensch in Deutschland älter als 65 Jahre. Und der Anteil älterer Menschen wird weiter wachsen.

Für Unternehmen ergeben sich daraus weitreichende Konsequenzen.

Während Marketingstrategien häufig stark auf jüngere Generationen ausgerichtet sind, rückt eine andere Zielgruppe in den Mittelpunkt: die Generation 55+.

Viele Menschen dieser Altersgruppe verfügen über Vermögen, etablierte Konsumgewohnheiten und teilweise erhebliche finanzielle Spielräume. Gleichzeitig verändern sich ihre Bedürfnisse, Lebensstile und Erwartungen an Produkte und Dienstleistungen.

Natürlich ist diese Gruppe keineswegs homogen. Zwischen einer berufstätigen 57-Jährigen und einem 85-jährigen Rentner liegen große Unterschiede hinsichtlich Einkommen, Gesundheit, Lebenssituation und Konsumverhalten.

Gerade deshalb braucht es eine differenzierte Betrachtung.

Die Generation 55+ sollte in den Zukunftsstrategien von Handelsunternehmen eine wesentlich größere Rolle spielen.

Warum jüngere Generationen konsumfreudiger sind

Ein weiterer interessanter Befund des Summits: Die Konsumneigung unterscheidet sich deutlich zwischen den Generationen.

Jüngere Menschen zeigen häufig eine höhere Bereitschaft, Geld auszugeben. Das hängt auch mit ihren Erwartungen an die eigene wirtschaftliche Zukunft zusammen.

Wer davon ausgeht, dass das eigene Einkommen in den kommenden Jahren steigen wird, bewertet Konsumentscheidungen anders als Menschen, die keine größeren Einkommenszuwächse mehr erwarten.

Ältere Generationen sind dagegen tendenziell zurückhaltender, selbst wenn finanzielle Mittel vorhanden sind.

Für Unternehmen entsteht daraus ein Spannungsfeld: Die Generationen mit einer hohen Konsumneigung verfügen nicht zwangsläufig über die größte Kaufkraft. Und diejenigen mit hohen finanziellen Ressourcen geben ihr Geld möglicherweise zurückhaltender aus.

Daraus folgt eine wichtige strategische Erkenntnis:

Kaufkraft und Konsumbereitschaft sind zwei unterschiedliche Größen. Erfolgreiche Zukunftsstrategien müssen beide berücksichtigen.

Was bedeutet das für den Handel?

Der demografische Wandel ist weit mehr als eine gesellschaftspolitische Herausforderung. Er verändert Märkte, Geschäftsmodelle und Kundenbedürfnisse.

Für Handelsunternehmen ergeben sich daraus mehrere strategische Handlungsfelder.

1. Zielgruppen neu segmentieren

Eine reine Einteilung nach Alter greift zu kurz. Lebensphasen, Werte, finanzielle Möglichkeiten und individuelle Bedürfnisse werden für die Kundenansprache wichtiger.

2. Einkaufserlebnisse generationenübergreifend gestalten

Barrierearme Geschäfte, intuitive digitale Anwendungen, persönliche Beratung und komfortable Services können insbesondere für ältere Kundengruppen an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig profitieren häufig auch jüngere Menschen von diesen Verbesserungen.

3. Neue Produkt- und Servicemärkte erschließen

Gesundheit, Prävention, Mobilität, Wohnen, Freizeit und Lebensqualität bieten interessante Wachstumsperspektiven. Der demografische Wandel wird in vielen dieser Bereiche zusätzliche Nachfrage schaffen.

4. Technologie als Chance begreifen

Gerade Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, personalisierte Dienstleistungen zu entwickeln, digitale Anwendungen zugänglicher zu machen und Kundenbedürfnisse besser zu verstehen.

Die entscheidende Herausforderung besteht darin, Technologie so einzusetzen, dass sie für Menschen einen konkreten Mehrwert schafft.

Deutschland braucht mehr Mut zum Risiko

Eine weitere wichtige Perspektive brachte Sigmar Gabriel in die Diskussion ein.

Deutschland ist ein Land mit einem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis. Stabilität, Planbarkeit und die Vermeidung von Risiken prägen viele wirtschaftliche und politische Entscheidungen.

Das ist historisch nachvollziehbar. Doch in einer Zeit fundamentaler Veränderungen kann eine zu starke Risikoaversion selbst zum Wachstumshemmnis werden.

Diese Einschätzung teile ich ausdrücklich.

Technologische Innovation, neue Geschäftsmodelle und wirtschaftliche Transformation erfordern die Bereitschaft, Dinge auszuprobieren, Fehler zuzulassen und gewohnte Strukturen infrage zu stellen.

Gerade im Handel erleben wir derzeit, wie schnell sich Märkte verändern. Neue Technologien verschieben den Zugang zu Konsumentinnen und Konsumenten. Digitale Plattformen verändern Wertschöpfungsketten. KI-basierte Agenten könnten künftig einen wachsenden Teil der Produktsuche und Kaufentscheidungen übernehmen.

Unternehmen, die ausschließlich bestehende Geschäftsmodelle optimieren, laufen Gefahr, wichtige Veränderungen zu verpassen.

Zukunftsfähigkeit entsteht nicht allein durch die Absicherung des Bestehenden, sondern auch durch den Mut, Neues zu gestalten.

Demografischer Wandel und Fachkräftemangel: Wachstum braucht Menschen

Ein weiterer Aspekt der Diskussion war die Bedeutung qualifizierter Einwanderung für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands.

Angesichts niedriger Geburtenraten und des Ausscheidens geburtenstarker Jahrgänge aus dem Arbeitsmarkt steht Deutschland vor erheblichen strukturellen Herausforderungen.

Wenn immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter zur Verfügung stehen, betrifft das nicht nur die sozialen Sicherungssysteme, sondern auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.

Qualifizierte Zuwanderung kann dazu beitragen, Arbeitskräfteengpässe zu reduzieren, Innovationspotenziale zu stärken und wirtschaftliches Wachstum zu ermöglichen.

Für den Handel ist das besonders relevant. Schon heute stehen viele Unternehmen vor der Herausforderung, ausreichend qualifiziertes Personal zu gewinnen.

Demografischer Wandel betrifft deshalb beide Seiten des Marktes: die Kundschaft ebenso wie die Beschäftigten.

Der blinde Fleck der Debatte: Künstliche Intelligenz als Wachstumstreiber

Bei aller Qualität der Diskussionen fehlte mir auf dem Summit eine Perspektive, die aus meiner Sicht zentral für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands ist: das Potenzial Künstlicher Intelligenz.

Abgesehen von Impulsen durch Clemens Fuest spielte KI in den Debatten kaum eine Rolle.

Dabei könnte gerade diese Technologie einen wichtigen Beitrag leisten, um einige der diskutierten Herausforderungen zu bewältigen.

KI kann Produktivitätssteigerungen ermöglichen, Prozesse automatisieren, Unternehmen bei der Bewältigung des Fachkräftemangels unterstützen und neue Geschäftsmodelle hervorbringen.

Auch beim Bürokratieabbau liegen erhebliche Potenziale, beispielsweise durch die Automatisierung administrativer Abläufe und die intelligentere Verarbeitung von Informationen.

Für den Handel verändert KI zudem nicht nur die internen Prozesse, sondern zunehmend auch die Customer Journey.

KI-Assistenten und autonome Agenten können künftig Produkte recherchieren, Angebote vergleichen und Kaufentscheidungen vorbereiten oder selbstständig ausführen.

Damit entstehen neue Fragen für Handelsunternehmen: Wie bleiben Marken sichtbar, wenn KI-Systeme Produkte vorauswählen? Wie verändert sich der direkte Kundenzugang? Und welche neuen Dienstleistungen werden möglich?

Diese Entwicklungen gehören für mich untrennbar zur Diskussion über Deutschlands wirtschaftliche Zukunft.

Wer über neue Wachstumspotenziale spricht, muss auch darüber sprechen, wie technologische Innovation Produktivität, Konsum und Wertschöpfung verändern kann.

Fazit: Die Zukunft des Konsums braucht einen neuen Blick

Der Konsumklima Summit 2026 hat deutlich gemacht, dass Deutschlands Konsumzurückhaltung nicht isoliert betrachtet werden kann.

Wirtschaftliche Unsicherheit, geopolitische Entwicklungen, demografischer Wandel und individuelle Zukunftserwartungen beeinflussen die Entscheidungen der Konsumentinnen und Konsumenten.

Für Unternehmen ergeben sich daraus drei zentrale Aufgaben:

  • Konsumenten besser verstehen: Nicht nur ihre Kaufkraft, sondern auch ihre Erwartungen, Unsicherheiten und Lebenssituationen.
  • Den demografischen Wandel strategisch nutzen: Die Generation 55+ als vielfältige und wirtschaftlich relevante Zielgruppe stärker berücksichtigen.
  • Innovation mutiger gestalten: Technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz aktiv nutzen, um neue Wachstumschancen zu erschließen.

Die Zukunft des Handels wird nicht allein von neuen Technologien entschieden. Sie entsteht im Zusammenspiel von gesellschaftlichem Wandel, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und veränderten Bedürfnissen der Menschen.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse: Wer den Konsum von morgen verstehen will, muss heute über die Grenzen klassischer Zielgruppen und Geschäftsmodelle hinausdenken.

KEYNOTE ANFRAGEN bei Marilyn Repp: Zukunft des Handels · KI, Konsum & Customer Journeys

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